3. November 2017 Jürgen Helten

Obdachlosigkeit in Köln

Obdachlosigkeit in Köln

Obdachlosigkeit in Köln (Quelle: pixabay)

 

Eine Wort wörtliche Definition des Begriff Obdachlosigkeit gibt es genauso wenig, wie eine statistische Erhebung. Die öffentlichen Verwaltungen sprechen dann von obdachlosen Menschen, wenn diese sich nicht selbst helfen können und auf der Straße leben.

Seit August 2017 hat es in Kölner Mainstream Medien vermehrt Berichte gegeben, die sich auf das Thema Obdachlosigkeit im Stadtgebiet bezogen haben. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde subjektiv der Eindruck erweckt, die dargestellten Konflikte werden ausschließlich von Obdachlosen verursacht. Da wurden Unionsbürger aus Bulgarien oder Rumänien pauschal über einen Kamm geschert, die Stadtgesellschaft hat Forderungen an die Ordnungsbehörden, die Verwaltung und die Politik gestellt. Die wesentlichen Dinge wurden dabei allerdings in keiner Weise berücksichtigt.

Betroffene, das heißt obdach- wie wohnungslose Bürger*innen kamen in der Regel in den Beiträgen der Medien nicht zu Wort, sie werden von der Stadtverwaltung und Politik nicht gehört. Die Bekämpfung der Ursachen von Obdachlosigkeit muss unter anderem dort erfolgen, wo die Menschen herkommen. In Nachbarkommunen oder ländlichen Gebieten im Inland, genauso wie in anderen Staaten, wo fehlende Perspektiven ein Grund für Migration sind. In Köln kann die Stadt etwas tun, was nicht erst seit heute gefordert wird, nämlich mehr bezahlbaren Wohnraum für alle Bürger*innen schaffen.

Natürlich gibt es drogen- und alkoholbedingte Konflikte. Dieses Phänomen lässt sich allerdings auf die gesamte Gesellschaft übertragen und sollte nicht ausschließlich Obdachlosen aus Osteuropa zugeschoben werden. Wobei man, wenn man sich sachlich und konstruktiv hiermit auseinandersetzen will, auch der Frage nachgehen muss, warum Menschen in ihrer Situation Rauschmittel zu sich nehmen.

Was ist zu tun?

Es bedarf einer Statistik, die ihren Namen auch verdient. Eine ernsthafte Statistik, die zum Beispiel erfasst wie viele Bürger*innen, die im Stadtgebiet leben obdachlos sind. Nur dann kann die Frage, ob es genug Hilfeangebote gibt oder ob man diese ausbauen muss, sachlich beantwortet werden. Schnelle Lösungen zu fordern, ohne konkret den Bedarf zu kennen, ist nicht zielführend.

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung in den Medien wird oft die Frage danach gestellt, warum betroffene Menschen die existierenden Hilfeangebote nicht nutzen. Man muss zunächst das direkte Gespräch mit obdachlosen Bürger*innen suchen, um die Fragen zu beantworten, ob es beispielsweise an den Öffnungszeiten der Einrichtungen liegt, ob man dort menschenwürdig behandelt wird, ob eine Einrichtung zu weit entfernt ist, usw.

Ein Träger einer Kontaktstelle für Wohnungslose stellt es so dar, als ob es Konkurrenz, Verdrängung und Verteilungskämpfe durch obdachlose Menschen aus Osteuropa gibt. Dies ist sachlich nicht richtig. Beispielsweise kann man sich nicht über einen Mangel an Essensangeboten, wo man für kleines Geld oder umsonst eine Mahlzeit bekommt, beklagen. Es gibt auch genug Anlaufstellen oder private Initiativen, die Bedürftige mit Bekleidung versorgen. Hier gilt es einen Weg zu finden, das Verfügbare auf alle Menschen gerecht zu verteilen.

Die Schaffung von ausreichend Notschlafstellen, die nicht nur im Winter zur Verfügung stehen, ist unbedingt erforderlich. Vor allem muss das Übernachtungsangebot für Obdachlose mit Hunden, obdachlose Frauen und obdachlose Paare deutlich aufgestockt werden. Die Stadt Köln muss für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgen, diesen selbst bauen und in Eigenregie bewirtschaften. Dies dürfte auch zu einer massiven Entlastung des städtischen Haushalts führen, weil die Unterbringung in Wohnheimen und Außenwohngruppen ein System ist, das gescheitert und überteuert ist. Während für die Unterbringung von Obdachlosen in Hotels (gewerblichen OBG-Betrieben) mindestens 750,- Euro pro Person und Übernachtung gezahlt werden, stehen Alleinstehenden bei den Kosten der Unterkunft maximal 522 Euro/Monat (exklusive Heizkosten) zu. Bezüglich der Unterbringung in einem Hotel sind umgerechnet m²-Preise von 60,- Euro (+/-) bei einer Einfachausstattung und Einzelzimmerunterbringung realistisch.

Kurz- und mittelfristig ist eine einheitliche und ausreichende Verweildauer für Obdachlosenunterkünfte (Wohnheime, Außenwohngruppen, Hotels) herbeizuführen. Während Betroffene bei einer Hotelunterbringung alle zwei Monate wegen einer Verlängerung zum Wohnungsamt müssen, kann man in Wohnheimen in der Regel zwei Jahre verweilen, muss dies jedoch halbjährlich über einen Hilfeplan verlängern lassen. Es gibt auch einzelne Fälle wo man maximal ein Jahr in einem Wohnheim bleiben darf und auch nur dann eine Verlängerung bekommt, wenn man einen Mietvertrag hat. Langfristig ist Wohnraum zu schaffen, wo die Menschen mietrechtlich abgesichert sind, also nicht nur eine reine Nutzungsvereinbarung unterschrieben haben - damit sie sie selbstbestimmt, frei und in Würde leben können.

Die Frage, warum das bestehende Angebot von Einrichtungen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe von vielen Betroffenen nicht genutzt wird, können ausschließlich die Obdachlosen selbst objektiv beantworten. Hier ist zu prüfen, ob es nicht ratsam ist, dass die Anlaufstellen sich untereinander austauschen, beispielsweise um abzustimmen, wer wann und wo geöffnet ist. Auch gilt es das Angebot der Möglichkeiten sein Gepäck und seine Papier sicher wegschließen zu lassen, zu erweitern und für eine Öffnung rund um die Uhr zu sorgen. Vor allem gilt es eine Atmosphäre zu schaffen, wo man sich wohlfühlt und gerne hingeht, was eher nicht der Fall sein dürfte, wenn man beengt auf viel zu kleinem Raum zusammensitzt.

Bei der Versorgung von obdachlosen Menschen mit Hilfeangeboten muss der Grundsatz gelten, dass niemand ein Monopol, beziehungsweise einen alleinigen Anspruch darauf hat – auch keine kirchlichen Träger. Das heißt, dass private Initiativen, die in diesem Umfeld tätig sind gleichberechtigt unterstützt werden müssen und man ihnen gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Vor allem muss man von einer Verdrängung dieser Gruppen am Breslauer Platz (Hauptbahnhof) absehen. Statt ihnen unter Missachtung der grundgesetzlich garantierten Menschenwürde eine stadtbekannte Kloake (Tunnel Johannisstraße) zur Essensverteilung an Bedürftige vorzuschlagen, sollte man den Initiativen konkrete Alternativangebote im direkten Umfeld des Hauptbahnhofs unterbreiten, wo sie ganzjährig – auch bei schlechtem Wetter - ihr Essen verteilen können.

Schlussbemerkung:

Solidarität statt Verdrängung muss die Devise lauten. Vor allem gilt es die verfassungswidrige Ausgrenzung und Diskriminierung von obdachlosen Menschen aus Osteuropa durch Einrichtungen kirchlicher Träger umgehend zu unterbinden. Hilfeangebote müssen sich am Bedarf der Betroffenen orientieren und nicht daran, was Dritte meinen zu wissen, was diese Menschen wollen und brauchen. Nachhaltig ist, was Hilfe zur Selbsthilfe ist