An jenem Samstag wollte ich zunächst zur angekündigten Auftaktveranstaltung der Kalker Bürger gegen Pro Köln vor der Kalker Post. Auf der Hinfahrt war durch KVB-Personal bereits in der Bahn informiert worden, dass die U-Bahnstationen Kalk Post und Kalk Kapelle für den Publikumsverkehr gesperrt seien. So traf ich gegen 930 endlich dort ein, etwa 20 Demonstranten waren bereits vor den Absperrgittern auf der Westseite versammelt. Keiner hatte irgendeine Ahnung von einer Alternativveranstaltung.

Der Platz vor der Post war hermetisch abgeriegelt, die U-Bahnstation einschließlich der Fußgängerpassagen unter der Kalker Hauptstraße total blockiert. Anwohner mussten durch Vorzeigen ihres Personalausweises darum betteln, ihre Einkäufe auf der Kalker Hauptstraße erledigen zu können. Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit war der Stadtteil Kalk von der Außenwelt abgeriegelt. Diese massiven Polizeieinsätze riechen verdammt nach Bürgerkriegsübung.
Die allmählich auf ca. 50 Personen anwachsenden Demonstranten auf der Westseite des Platzes waren weitestgehend entspannt. Einige suchten Kontakt zu jüngeren Polizisten, doch diese offerierten Ahnungslosigkeit. Mantrahaft wurden von ihnen die Losungen des Kölner Polizeipräsidenten Albers nachgebetet: Lasst doch Pro Köln einmal ungestört demonstrieren, damit Kalk endlich Ruhe hat. Ein bis zwei mittelalte Polizisten, Typ „Oscar der freundliche Polizist“, waren um Kontakt und Deeskalation bemüht. Ihre Versuche wirkten hilflos, denn von oben kam wohl nur die Anweisung: Straße frei für Pro Köln.
Lange Zeit passierte nichts auf der Kalker Hauptstraße. Aus der Entfernung von ca. 30 bis 40 Metern konnte ich zwei Demonstranten auf der Straße wahrnehmen, die offensichtlich die polizeilichen Absperrketten vor den Köln Arkaden überwanden. Einer von beiden wurde auf rüdeste Art und Weise von Polizisten zu Boden gerissen. Dies ist auf dem Video des Kölner Stadt-Anzeigers (Ausgabe vom 29.01.2012) „Zwischenfälle bei Pro Köln-Demo“ zu sehen.
http://www.ksta.de/html/artikel/1327841809242.shtml
Pro Köln defilierte irgendwann mit einer längeren Pauseneinlage auf der Kalker Hauptstraße vorbei. Danach sind wir so gegen 1200 zum AZ in der Wiersbergstraße gezogen.
Vor dem AZ laute Musik aus dem Gebäude und aus einer mobilen Anlage in der Nähe der blockierenden Schupo-Wannen. Diese Polizeifahrzeuge standen frontseitig gegeneinander auf ca. 1,5 Meter Abstand. Dahinter war bis zur nächsten Straßeneinmündung ca. 40 Meter polizeibewachtes Niemandsland. In der Lücke zwischen den Polizeifahrzeugen standen einige Demonstranten unbehelligt von der Polizei. Die Situation war bis zum Herannahen der Pro Köln Demo friedlich!

Danach verschlechterte sich die Situation. Ein junger Demonstrant versuchte auf eine Schupo-Wanne zu klettern und wurde von Umstehenden zurückgezogen. Einige versuchten dann, das Polizeifahrzeug in Schwingung zu versetzen - Nervöse Polizeiobere sahen vielleicht die Bundesrepublik Deutschland in ernsthafter Gefahr. Doch erstens saß keiner im Auto und zweitens, zum Umstürzen hätten die paar Hansels nicht ausgereicht! Und dann waren noch ständig ca. 15 gepolsterte und armierte Polizisten unter den Demonstranten vor dem AZ präsent, eingegriffen haben sie nicht. Die an der Kalker Post um Kontakt und Deeskalation bemühten Polizisten waren hier wie vom Erdboden verschwunden. Ein Gesicht war zwar auch hier präsent, doch vor dem AZ war wohl ein anderes Programm vorgesehen.
Mittlerweile flogen von hinten einige kleinere, runde Gegenstände in das polizeiliche Niemandsland hinter den Schupo-Wannen. Es konnten Eier, Äpfel oder Tomaten sein, nichts ernsthaft Bedrohliches. Zeitweilig wurde von hinten ein großer Schirm in die Fahrzeuglücke gehalten. Nach etwa zwei bis drei Minuten flogen vorne Stehende urplötzlich zur Seite. Sechs bis sieben gepolsterte und armierte Polizisten stürmten mit gezückten Gaskartuschen zwischen Polizeiwanne und Demonstranten und sprühten ohne Vorwarnung auf kürzester Distanz (ca. 1,5 Meter) mit der chemischen Keule in die Menge. Die Polizisten beiderlei Geschlechts trugen alle auf der Uniformjacke das Emblem der „BPH 13 Recklinghausen“.

Alle vorne stehenden Demonstranten bekamen eine Gasdusche ab. Für mich hielt sich die Reizwirkung auf Augen und Atemwege in Grenzen, weil ich einerseits aktiver Wassersportler bin und darüber hinaus vor Jahrzehnten als Bundeswehrsoldat bis zum Erbrechen den ABC-Krieg üben musste. Der Griff zur rettenden Gasmaske fehlte jedoch, und die Langzeitwirkung dieser chemischen Keule war mir bis dato unbekannt.
Mittlerweile waren Jüngere aus der Clownsarmee in die Lücke gedrungen und hatten vorbildlich zur Deeskalation beigetragen! Der BPH 13 Trupp stand weiterhin mit gezückter Gaskartusche in Lauerstellung.
Nach etwa 2 bis 3 Minuten war die Anspannung runter. Die ersten Sprechchöre gegen Pro Köln wurden wieder laut. Ich versuchte meine Trillerpfeife einzusetzen. Doch die dann eintretende Wirkung war mir unbekannt, meine Lippen brannten danach plötzlich wie Feuer. Die Wirkung hielt mindestens noch anderthalb bis 2 Stunden an. Ebenso brannten meine ungeschützten Handoberflächen. Mittlerweile zu Hause angekommen, versuchte ich meine Hände gründlich zu waschen, die brennende Wirkung verteilte sich nun großflächig. Ich ließ von weiteren Waschaktionen ab und ging in die Badewanne. Danach verbreitete sich das Brennen der Haut über die gesamten Ellenbogen. Die Wirkung hielt stundenlang an.
Wenn man diese Polizeischikanen und Übergriffe gegen die Kalker Bürger und die vorwiegend jungen Demonstranten miterlebte und dann die Nachrichtenflut der letzten Wochen über die NSU Mörderbande noch im Kopf hat, wenn man die verharmlosende Darstellung des Kölner Stadt-Anzeigers und das Herumeiern des Kölner Polizeipräsidenten verfolgte, dann kommt unweigerlich die Ahnung auf: Straße frei für die braunen Kolonnen, das hatten wir bereits in der Weimarer Republik, das Ende war für Deutschland fürchterlich!
Nun wieder ganz unverhüllt die alte Taktik der offenen und versteckten Faschisten: Das Erobern der Straße und die Hatz auf alles Linke und Undeutsche. In der niedersächsischen Stadt Bückeburg ist es mittlerweile alltäglich, es gab nur noch keine offenen Mordversuche.
Kann sich noch einmal eine demokratische Gesellschaft erlauben, auf dem rechten Auge blind zu sein? Wenn man sich aktuell die geheimdienstliche Überwachung von offiziell 27 Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die Mitglieder der Partei DIE LINKE sind, vergegenwärtigt, dann sollten bei jedem Demokraten die Alarmglocken schrillen!
Auch gerade deshalb, weil sich in diesem Jahr der vierzigste Jahrestag der Einführung der Berufsverbote jährte! Die Berufsverbote haben laut Aussage einer mir bekannten stellvertretenden Schulleiterin zu weitestgehendem Duckmäusern in ihrem Lehrerkollegium geführt!
Hans Peter Arenz, DIE LINKE
Mitglied im Verkehrsausschuss